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Interview mit Holger Nickel

„Wenn nicht einmal richtig gelacht wurde, war es eine schlechte Beratung“

Holger Nickel ist systemischer Familientherapeut und leitet Beratung und Treffpunkt Blomberg des SOS-Kinderdorfs Lippe. Die Beratungsstelle richtet sich an Kinder, Jugendliche, Eltern, Paare, Einzelpersonen und pädagogische Fachkräfte.

Holger Nickel SOS-Kinderdorf

Holger Nickel, systemischer Familientherapeut und Leiter von Beratung und Treffpunkt Blomberg des SOS-Kinderdorfs Lippe

Mit welchen Anliegen wenden sich die Menschen an Sie?

Die Anliegen sind sehr vielfältig. Meistens aber machen sich Eltern Sorgen um ihre Kinder. Sie bemerken, dass ihr Kind keine Freunde hat und nicht gut in der Kitagruppe oder Grundschule integriert ist. Andere erzählen davon, dass ihr Kind Wutausbrüche hat, um sich schlägt oder andere beißt. Manchmal zieht sich ein Kind auch stark zurück, weil sich die Eltern trennen oder getrennt haben. Wir werden aber auch angefragt, wenn der Verdacht von sexuellem Missbrauch im Raum steht. Den Eltern fällt auf, dass ihr Kind sich verändert hat, es z.B. einnässt, obwohl es schon länger trocken war, es ständig Bauchschmerzen hat oder nicht einschlafen kann. Bei Jugendlichen spielen vor allem Themen wie Isolation, mangelndes Selbstwertgefühl und Probleme in der Schule wie Leistungsdruck oder Mobbing eine Rolle.


Wie hat sich die Überforderung durch die Corona-Pandemie verstärkt?

Die Zündschnur der Eltern war sehr viel kürzer. Viele waren schneller gereizt und einfach mit den Nerven am Ende. Dem ein oder anderen ist die Hand ausgerutscht oder es wurde viel rumgeschrien. Die Kinder haben Angst bekommen und sich zurückgezogen, sie wurden traurig. Manche Familien sind richtig an ihre Grenzen gekommen und die Beziehungen innerhalb der Familie wurden stark angekratzt.

2019 waren 55.500 Kinder in ihrem Wohl gefährdet – ein neuer Höchststand. Eine Form der Gefährdung ist Vernachlässigung. Wie begegnet Ihnen diese?

Einzelne Anzeichen dafür beobachten wir häufig, allerdings nicht immer alle gleichzeitig. Kinder werden vernachlässigt, wenn sie nicht bekommen, was sie brauchen. Sie werden nicht gut versorgt oder werden nicht ausreichend geschützt. Sie bekommen kein Brot mit in die Schule oder haben nichts Passendes zum Anziehen. Es kann ihnen aber auch die Zuwendung zu Hause fehlen. Sie erhalten dann keine Anerkennung oder Wertschätzung. Ihnen wird oft gesagt, dass sie etwas nicht können oder mit ihnen wird nicht gespielt.

Wie gehen Sie mit Eltern um, die ihre Kinder vernachlässigen?

Hier ist es hilfreich zu schauen, wie die Eltern selbst erzogen wurden und wie ihr Erziehungsansatz aussieht. Die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Es ist wichtig, bei dieser Motivation anzusetzen und Verständnis für ihre Situation zu entwickeln. Wir erkennen an, was sie bislang geschafft haben und was gut läuft. Und mit dieser Grundlage kann man auch irgendwann Defizite überbrücken. Das ist allerdings ein langer und schwieriger Prozess. Viele Verhaltensmuster sind sehr festgefahren, es ist eine Menge Arbeit nötig, um diese Muster zu verändern. Deshalb sage ich auch immer: „Kommen Sie früher, auch mit kleinen Fragestellungen“. Für manche ist es ein Eingeständnis von Schwäche, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Wir finden: Wer sich Hilfe holt, ist schlau. Wir versuchen auch diese Schwere herauszunehmen. Hier wird viel gelacht. Wenn nicht ein Mal richtig gelacht wurde, war es eine schlechte Beratung. Wir wollen Eltern stärken, sie ermutigen und ihnen nicht sagen, was sie alles nicht können. Das machen sie schon alleine. Wir wollen mit ihnen herausfinden, was sie schon können und was sie noch lernen wollen.

Und wie nähern Sie sich vernachlässigten Kindern an?

Wir wollen wirklich herausfinden, was das für Kinder sind und wie es ihnen geht. Manche Kinder, die vernachlässigt wurden oder Dramatisches erlebt haben, sind total angespannt und warten darauf, dass etwas Schlimmes passiert. Dem kann man nur mit Ruhe und Freundlichkeit entgegenwirken. Auch Bewegung ist dafür großartig und hilft dabei, den Stress und die Erregung abzubauen. Wir gehen eine Runde Fußball spielen oder toben ein bisschen im Bewegungsraum. Andere Kinder dagegen sind ganz bei sich. Da gehen wir eher übers Malen, damit sich die Kinder ausprobieren können. Wir müssen ein Gespür entwickeln, was jedes einzelne Kind braucht.

Ein Ansatz von SOS-Kinderdorf ist Hilfe zur Selbsthilfe. Welche Tipps geben Sie Familien an die Hand?

Wir geben Impulse, damit die Familien selber Lösungen entwickeln können. Da müssen wir sehr sensibel vorgehen. Manche Eltern fühlen sich angegriffen, wenn man ihnen etwas alleine nicht zutraut. Wir schlagen ihnen z.B. vor, bewusst Zeit mit den Kindern einzuplanen. Sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und mit einem Kind alleine zu spielen. Wir geben auch Anreize bei Schulproblemen. Grundschüler sollen maximal 30 Minuten am Tag lernen. Mehr löst Stress aus und führt dazu, dass das Kind mit dem Lernen etwas Unangenehmes verbindet. Das belastet auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Entscheidend ist auch, dass sich die Familien auf das Positive fokussieren. Gerade bei Jugendlichen fällt den Eltern oft nur auf, was ihre Kinder nicht können und was schlecht läuft. Da braucht es einen Perspektivwechsel. Die Eltern müssen verstehen, wie sich ihr Kind fühlt und sich hineinversetzen.