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Befragung von SOS-Ehemaligen

Wie geht es Care-Leavern in der Corona-Pandemie?

Welche Auswirkungen nehmen SOS-Ehemalige auf die verschiedenen Bereiche ihres Lebens und auf ihr emotionales Wohlbefinden wahr? Im Rahmen der SOS-Längsschnittstudie haben wir im Herbst 2020 junge Erwachsene, die aus einer stationären SOS-Einrichtung ausgezogen sind, dazu gesondert befragt. Die Erhebung fiel somit in die Zeit des beginnenden zweiten Lockdowns. Trotz dieser besonderen Bedingungen war die Resonanz groß: Fast alle der etwa 250 Teilnehmenden haben unsere Fragen beantwortet. Zu zwei Dritteln waren dies junge Frauen, das Alter lag zwischen 16 und 26 Jahren. Im Folgenden stellen wir erste ausgewählte Ergebnisse vor. Weitere vertiefende Auswertungen und Analysen folgen.

Care-Leaver − betroffen wie viele andere, dennoch in einer besonderen Situation

Care-Leaver sind junge Erwachsene wie andere auch und somit gleichermaßen von der Pandemie-Situation betroffen. Zugleich haben sie aufgrund ihrer biografischen Erfahrungen und oft nur geringen familiären Unterstützung in manchen Bereichen deutlich weniger Ressourcen − und damit eine besondere Ausgangslage, um mit den Auswirkungen der Pandemie umzugehen.

Viele der folgenden Ergebnisse ähneln denen aus Befragungen in der Gesamtbevölkerung. Dementsprechend sehen sich lediglich 20% der befragten Care-Leaver als besonders betroffen von der Pandemie an, weitere 40% aber zumindest teilweise. Auf ihre besondere Situation hin befragt verteilt sich die Wahrnehmung ähnlich: 15% der Care-Leaver sind der Ansicht, dass diese Beachtung findet. Andere Care-Leaver spielen für zwei Drittel keine besondere Rolle bei der Bewältigung der Belastungen, nur für 10% trifft dies zu. 

Weitgehende Veränderungen: Lebenssituation und Alltag

Für 80% der Befragten ändern sich ihre allgemeine Lebenssituation und der Alltag, sie verspüren Auswirkungen der Pandemie-Situation. Die Anteile der positiven und negativen Veränderungen sind für diese beiden Bereiche sehr ähnlich. 23% der Betroffenen geben an, dass sich ihre Lebenssituation überwiegend negativ entwickelt hat, für 12% hingegen überwiegend positiv. Für 45% gibt es sowohl positive wie auch negative Auswirkungen. Zusammen genommen erleben also 68% der Befragten spürbar negative Auswirkungen der Pandemie auf ihre Lebenssituation, immerhin 57% jedoch positive Auswirkungen. Abbildung 1 zeigt die erlebten Auswirkungen für die im Folgenden besprochenen Lebensbereiche genauer.

Grafik zu den Auswirkungen der Corona Pandemie und der Maßnahmen

Abb. 1: Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Maßnahmen auf ausgewählte Lebensbereiche bei Care-Leavern. (Quelle: SOS-Längsschnittstudie, Corona-Befragung Herbst 2020; N=215 – 224, Allgemeine Lebenssituation N=159)    

Informierte Akzeptanz

Etwa ein Drittel der Care-Leaver beschäftigt sich sehr stark mit den Themen rund um Corona, jeweils ein weiteres Drittel stimmt dem nur teilweise oder gar nicht zu. Knapp 60% der Befragten fühlen sich gut informiert und informieren sich aktiv. Über 70% sind der Meinung, dass die Einschränkungen von allen befolgt werden sollten und sie schränken sich dementsprechend auch selber ein. Jeweils unter 15% stimmen diesen Aussagen jedoch nicht zu. Etwa ein Viertel der Befragten hält die politischen Maßnahmen für übertrieben und meint, dass nicht alles der Corona-Bekämpfung untergeordnet werden sollte. Allerdings geben nur 30% an, dass ihre Sorgen gehört werden, 41% stimmen dem nicht zu.

Körperliche Gesundheit – relativ stabil

Unter den Befragten geben nur sehr wenige (3,6%) an, selbst bereits mit Corona infiziert gewesen zu sein. Überträger des Virus zu werden, befürchtet nur jede*r Fünfte, 60% stimmen dem nicht zu. Ihre körperliche Gesundheit sehen 25% als belastet an, 55% der Befragten schreiben der Pandemie-Situation Auswirkungen auf ihre körperliche Gesundheit zu. Für 21% sind dies überwiegend negative Auswirkungen, häufig verbunden mit fehlender Bewegung und Sport, aber 14% sehen auch überwiegend positive, zum Beispiel weniger andere Infektionen oder Erkrankungen. Weitere 21% der Care-Leaver geben an, gleichermaßen positive wie negative Auswirkungen zu spüren. 

Reduziertes Sozialleben und Freizeit

Für 26% der jungen Menschen haben sich Beziehungen zu Freunden und Bekannten überwiegend negativ verändert, für 13% eher positiv. 33% sehen positive und negative Auswirkungen. 40% haben momentan zu wenig Austausch mit anderen Personen; etwas mehr treffen andere Menschen, die ihnen nahestehen, nicht oft genug. Diese Reduzierung ist auch mit psychischer Belastung verbunden. Knapp zwei von drei Care-Leavern vermissen unbeschwerte Treffen mit anderen Personen sowie Veranstaltungen. Genauso viele haben dafür häufiger Kontakt über Telefon und Online-Medien und fühlen sich auch durch Freunde gestärkt. 

Die Beziehungen zur Herkunftsfamilie sind dagegen seltener betroffen. Hier beschreiben jeweils etwa 20% negative und ambivalente, 15% positive Auswirkungen an. Gut 30% geben an, sich viele Sorgen um die Gesundheit der Herkunftsfamilie zu machen, während sich etwa die Hälfte keine Sorgen macht. Auf die Beziehungen zu Partner*innen, zur eigenen Familie und auf die Sexualität hat sich die Pandemie für 25% positiv ausgewirkt, 20% sehen hingegen ambivalente und 15% negative Auswirkungen.

Die Freizeit ist als Lebensbereich erwartungsgemäß sehr stark betroffen: Hier sieht jeweils ein gutes Drittel negative oder ambivalente Auswirkungen, lediglich 15% sehen überwiegend positive.

Grafik zu der Psychosozialen Belastung

Abb. 2: Psychosoziale Belastung durch die Corona-Pandemie bei Care-Leavern. (Quelle: SOS-Längsschnittstudie, Corona-Befragung Herbst 2020; N=238–244)

Deutliche psychische Belastungen

Deutlich stärker als die körperliche Gesundheit wird das emotionale Wohlbefinden beeinflusst. Jeweils 20 bis 30% der Befragten geben an, dass ihnen die Pandemie-Situation Angst macht, dass ihnen Entscheidungen des täglichen Lebens schwerfallen und dass sie nicht wissen, wie sie sich in sozialen Situationen verhalten sollen. Für weitere 20% trifft dies zumindest teilweise zu. Bei der Frage nach den Auswirkungen der Pandemie auf das seelische und emotionale Wohlbefinden wird dies noch deutlicher: 35% beschreiben überwiegend negative Auswirkungen, nur 11% überwiegend positive. 30% benennen positive und negative Auswirkungen zugleich. In offenen Antworten kommen vor allem Angst, Depressionen und Einsamkeit zur Sprache. Für Care-Leaver können diese neuen Erfahrungen in der Pandemie bedeuten, dass biographische Belastungen aktualisiert werden und die bei einigen labile psychische Gesundheit nachhaltig gefährdet ist. Deshalb ist hier der Zugang zu Beratung und therapeutischer Unterstützung besonders bedeutsam.

Beruf und Bildung stark verändert

Im Bereich Beruf und Bildung werden, neben der Freizeit, die stärksten Veränderungen beschrieben. 29% der jungen Menschen sehen überwiegend negative Veränderungen, 13% überwiegend positive. 38% erleben zugleich positive und negative Veränderungen. 

An einer mangelnden technischen Ausrüstung liegen die negativen Auswirkungen zwar überwiegend nicht. Dennoch geben immerhin 14% an, dass diese nicht für die Anforderungen für Beruf und Bildung ausreicht, für weitere 10% trifft dies teilweise zu. Als belastend benannt werden Kurzarbeit oder Praktika und Ausbildungen, die nicht begonnen werden können, aber auch hohe Belastungen gerade in Pflegeberufen.  

Existenzielle Sorgen eher selten, Unterstützung stabil

Relativ selten werden Auswirkungen auf die finanzielle Situation beschrieben – erstaunlicherweise. Etwa jeweils 20% beschreiben negative und ambivalente Auswirkungen, 15% sogar positive. Ähnliches gilt für die Wohnsituation: 25% erleben sogar Verbesserungen, 16% positive und negative Auswirkungen und 6% überwiegend negative.

Erfreulich ist, dass sich die Unterstützung durch SOS-Kinderdorf und auch durch andere Träger oder Institutionen nur wenig zu verändern scheint. Lediglich 35% bzw. 45% beschreiben Auswirkungen, jeweils zu etwa einem Drittel positiv, negativ und ambivalent.

Fazit

  • Dieser erste Einblick in die Ergebnisse zeigt, dass sich das Leben der Care-Leaver − wie auch das der Gesamtbevölkerung − in vielen Bereichen stark verändert hat.
  • Die negativen Auswirkungen der Pandemie überwiegen am deutlichsten in den Bereichen Freizeit, Bildung und Beruf sowie im emotionalen Wohlbefinden.
  • Care-Leaver nehmen aber auch positive Aspekte wahr, die sich am meisten auf die Partnerschaft und die Wohnsituation beziehen. Positive und negative Auswirkungen werden oft auch zugleich wahrgenommen − am häufigsten im Alltag und in der Lebenssituation insgesamt.
  • Als besonders bedenklich erscheinen uns die Auswirkungen auf das seelische und emotionale Wohlbefinden und die psychische Belastung. Hier können die biografischen bzw. bereits bestehende Belastungen der Care-Leaver die Bewältigung der aktuellen Einschränkungen erschweren. Deshalb sollten ausreichend Zugänge zu Beratung und Therapie ermöglicht werden.
  • Viele Care-Leaver akzeptieren die Situation und tragen diese mit. Allerdings haben doch relativ viele von ihnen den Eindruck, dass ihre Sorgen nicht oder nur teilweise gehört werden.
  • Existenzielle Sorgen sind relativ selten, und die Unterstützungsstrukturen scheinen einigermaßen stabil zu bleiben.
  • Wir erwarten, dass die unterschiedliche Wahrnehmung der Situation auch mit der jeweils individuellen Vorgeschichte der Care-Leaver und ihren Widerstandsressourcen zusammenhängt. Dies werden wir anhand von Daten im weiteren Verlauf der       SOS-Längsschnittstudie untersuchen.

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden an der SOS-Längsschnittstudie, dass sie sich Zeit für unsere Befragung genommen haben − und für ihre Offenheit! Wir wünschen allen Gesundheit und einen guten weiteren Weg in und nach der Corona-Pandemie.